Zwei Schicksalsschläge an einem Tag

und plötzlich ist alles anders...

Schön, dass Du da bist auf meiner Bühne des Lebens! 

Das Leben ist ein Schauspielhaus - das Schicksal teilt die Rollen aus...

 
 

17.12.2019

Gestern in der Uniklinik zum PET CT

17.12.2019

Gesundheit Deutschland .jpg

Endlich ist es soweit,  der Tag vor dem ich mich fürchte ist angebrochen.

Ich werde um viertel vor 9 Uhr von Zuhause abgeholt. Mein Taxi verspätet sich um eine viertel Stunde, aber mein Termin in Uniklinik beginnt erst um 10.20 Uhr, so dass ich noch mehr als pünklich dort bin.

Der Taxifahrer versteht, dass ich mich lieber auf die Rückbank setze und während der Fahrt vor mich hindöse, so habe ich ihm erklärt, dass ich die letzten 9 Nächte vor Schmerzen nicht habe schlafen können.
Und eigentlich, so gebe ich an, ist die Frau Schmidt im Normalfall auch viel redseeliger. Er lacht und versteht. Das sei kein Problem.

Rechtzeitig lässt er mich vor der WTZ Ambulanz der Uniklink heraus und greife zu meinem Korb.
Ich merke, dass ich vor ein paar Wochen, als ich zum CT musste, um einiges fitter und kräftiger war.
So schnell baut man ab, wenn die Therapie versagt und wenn man wochenlang auf die nächste warten muss.

Dabei sagen die Bilder Ende August noch so viel Vielversprechendes aus. Alles war klar erkennbar. Der Tumor ist erheblich geschrumpft, die Metastasen bildeten sich zurück. Doch im November dann das niederschmetternde Ergebnis, die Metastasen breiten sich weiter aus….und das merke ich nun deutlich, Tag für Tag mehr!

Was daraus folgt sind Tumorschmerzen, die ich nicht  annähernd zu beschreiben wage und die ich wirklich keinem Lebewesen auf dieser Welt wünsche zu erleben…. - Oder doch?

Unser Gesundheitssystem (heißt die Menschen, die sich sowas ausdenken) könnte(n) daraus vielleicht sogar viel lernen.

Zurück zur WTZ Ambulanz.
Ich schleppe mich mitsamt meinem Korb zum Aufzug und fahre in die erste Etage.
Früher hätte ich die Treppen genommen. Denn ich mag keine Aufzüge. Vor ein paar Wochen hätte ich das auch locker geschafft. Wie schnell man doch abbaut ist erschreckend.

An der Anmeldung empfängt mich eine lange Warteschlange. Ich lausche der Unterhaltung zweier Damen, die vor mir an der Reihe sind und kann nicht verstehen, wie man jetzt in Weihnachtsstimmung sein und sich über italienische Weinpreise ereifern kann. Was ist schon Geld? Was bitte soll diese vorgetäuschte weihnachtliche Romantik? Ist hier nicht alles nur Kommerz? Ich mag diese Floskeln nicht: “hab eine schöne Vorweihnachtszeit”, “ruhiges besinnliches Fest”, das alles habe ich schon länger von mir gehalten.

Leider ändert sich doch dadurch wenig, die Menschen werden durch diese Floskeln auch nicht intelligenter und noch lange wird dadurch nicht alles wird gut!

Als ich endlich an der Reihe bin, erkläre ich, dass ich einen Termin habe zum PET CT und übergebe die Einweisung, die ich von meinem Hausarzt bekommen habe. Zum Glück ist es nur eine Einweisung, die nicht besagt, dass man mich gleich da behält. Wobei ich das tatsächlich vermutet habe, wegen meines Bluts im Urin. Darüber hatte ich meine Ärztin in der letzten Woche unterrichtet.
Ich gebe erneut meine Krankenkassenkarte ab. Die freundliche Dame an der Anmeldung erklärt mir den Weg zur Strahlenklinik und dass ich heute nach dem PET CT wider direkt nach Hause gehen darf. Ich brauche also nicht nochmals in die Ambulanz zu kommen.

Das ist nun gar nicht in meinem Sinne und ich widerspreche ihr, sage, dass ich mit meiner Ärztin in der vergangenen Woche in Email Kontakt stand und dass sie mir Schmerzmittel aufschreiben will. Außerdem müsse ich kurz mit ihr sprechen, da ich Blut im Urin habe und mit ihr abklären möchte, ob ich die Thrombosespritzen vorläufig von zwei auf eine reduzieren darf. Möglicherweise steht das Blut im Urin nämlich damit in Zusammenhang.

Die Sprechstundenhilfe klärt mich auf, dass es aus abrechnungstechnischen Gründen (!) nicht möglich sei, nach einem PET CT Termin am gleichen Tag ein Rezept auszustellen, geschweige denn ein Gespräch mit der Ärztin zu führen.

Wie bitte????

Ich habe Schmerzen, die ich nicht aushalten kann und werde nun keinen Tag länger warten, nur weil unser Gesundheitssystem es nicht erlaubt, sich nach einem PET CT Termin Hilfe zu holen.

Das habe ich genauso erklärt und die liebe Dame sagte, sie wolle mit meiner Ärztin Rücksprache halten.
Diese bittet mich dann, nach dem PET CT nochmals in die Ambulanz zu kommen.

Kopfschüttelnd und dankbar mache ich mich auf den Weg zur Strahlenklinik.

Zunächst muss ich mich anmelden, einen Fragebogen ausfüllen und warten - das Übliche….. dann erfolgt ein Gespräch mit einem Arzt, den ich nicht kenne, der mich nicht kennt und meine Krankengeschichte auch nicht. Er setzt mir den Zugang, über den mir später das radioaktive Kontrastmittel gespritzt wird. Alles sehr anonym, kalt und ungemütlich. So sind sie halt die Kliniken ….und das macht es einem Krebspatienten überhaupt nicht leichter. Ganz im Gegenteil. Da geht es einem schon schlecht - aber damit nicht genug, da fühlt man sich wie in einem SS Bunker….

Während ich auf dem kalten Gang vor der dicken Stahltür warte, hinter der die radioaktiven Patienten isoliert werden (kein Scherz), laufen Bauarbeiter mit Schubkarren, beladen mit Steinen, wie am “Laufenden Band” vor meiner Nase her und lassen zudem noch die Tür auf. Es zieht, es ist kalt und ich will nach Hause!

Für kurze Zeit verlassen mich die Nerven. Die Vorstellung über die Aussage des Arztes, ich müsse in den Räumen hinter der Stahltür noch 1 1/2 Stunden warten, eingesperrt und nicht ins Freie treten  dürfend, lässt meinen Mut sinken. Das PET CT nehme dann auch nochmal gute 20 bis 40 Minuten in Anspruch.

Ich komme nicht umhin, mich zu fragen: “Was haben die Menschen damals im 1. und 2. Weltkrieg erleben müssen?”

Tatsächlich muss ich, genau wie alle anderen Patienten, hinter der Stahltür, nachdem man mir die radioaktive Flüssigkeit durch die Venen spritzt, isoliert werden. So schreibt es das GESETZ vor!!! Nicht, dass dieses Kontrastmittel schädlich sei, ich verstrahlt oder so…..- das wies der Arzt von sich! Die Dosis sei geringer als drei Flüge in den Urlaub. Keine Ahnung, ob er selbst glaubt, was er da den Patienten tagtäglich erzählen muss…. Und ich frage mich, wer ihm das abnimmt?

Weiterhin frage ich mich, ob so viele Untersuchungen mich so viel weiterbringen, wenn ich nicht bald meine neue Therapie bekomme. Hier geht es um Statistiken und Auswertungen für die Studie, nicht um das Wohl des Patienten! Das ist schon mal klar!

Nach fast zwei Stunden Isolierung fühle ich mich ausgesetzt, gefängnisartig in Gewahrsam gebracht,  abgeschnitten von der Umwelt. Ich versuche zu lesen. Hier ist alles weiß kalt erleuchtet, keine Fenster, kein Bild, welches den Aufenthalt etwas gemütlicher, heimeliger gestalten könnte. Ein winziges Wartezimmer, in dem, wer noch nie Platzangst verspürte, sie spätestens jetzt kennenlernt!

Dann werde ich in ein weiteres nicht weniger kaltes, steriles Zimmer gebeten, in der sich das CT Gerät befindet. Ich muss mich auf den Rücken legen, welches mir sehr schwer fälllt, da mir mein Rücken sehr zu schaffen macht.
Die ersten 10 Minuten halte ich durch, dann rufe ich unter Schmerzen nach Hilfe. Die Radiologin kommt und sagt, ich müsse noch etwas aushalten, wenn die Bilder verwackelt sind, müssen wir wieder von vorne beginnen.

Reicht es nicht, dass man Tumorschmerzen hat, dadurch, dass man sehnlichst auf die neue Therapietablette warten muss, von der man noch gar nicht weiß, ob sie überhaupt so gut anschlägt, wie damals der blaue Ordnungshüter? Ich beiße die Zähne zusammen und es geht weiter.

Als ich endlich aus meinem Gefängnis entlassen werde, sehe ich wieder Tageslicht, verspüre Freiheit. Ich bin seelig, dieser Hölle fürs Erste entkommen zu sein.

Wer mir sagt, ein PET CT sei nicht schlimm, hat sicher auch keine tumorbedingten Rückenschmerzen und fühlt sich vielleicht so gut, wie ich noch vor einigen Wochen.

Das Schlimme daran ist, dass ich das Ganze in 28 Tagen nach Einnahme der neuen Tablette erneut werde über mich ergehen lassen müssen.

Ach hätte ich doch nur einen Armbruch erlitten….

Ich gehe zurück in die Ambulanz und warte dort auf meine Ärztin. Mein Rücken bricht durch, ich kann weder liegen noch sitzen, nur laufen. Aber das mache ich ja nun schon die ganzen Nächte hindurch.
Das geht an die Substanz.

Es ist so lieb, dass sich meine Ärztin noch die Zeit für mich nimmt, obwohl ich weder einen festen Termin, noch die Erlaubnis von unserem GESUNDHEITSSYSTEM haben, mit ihr zu sprechen, geschweige denn ein Rezept mit nach Hause zu nehmen.

Sie schreibt mir ein Opiat auf in zwei verschiedenen Formen.

Nachdem ich das Rezept habe, rufe ich in unserer Apotheke an, die sogleich alles in die Wege leitet, damit ich die Medikamente bis abends Zuhause habe.

Inzwischen ist es 16 Uhr als ich mit dem Taxi nach Hause fahre. Gegen 18.40 Uhr werden die Medikamente geliefert.
Sogleich greife ich zu. Hätte ich keine Wahnsinnsschmerzen, würde ich es nicht wagen, diese anzufassen.

Leider wirken sie nicht.
Ich werfe die zweite akut Tablette hinterher. Es zeigt sich eine minimale Wirkung.
In der Nacht kommen die Schmerzen unerträglich wieder, so schnell und so einfach sind sie nicht abzustellen.
Also greife ich erneut zu der akut Tablette, die ich bei Bedarf alle 4 bis 6 Stunden nehmen darf.

Was ist nur aus mir geworden? Ich, die Medikamente verabscheut. Was will mir die Krankheit Krebs damit sagen, frage ich mich immer wieder.

In den frühen Morgenstunden schlafe ich und ich schlafe den ganzen nächsten Tag, tief und fest, bin benebelt und fühle mich unwohl.

Das Ganze Hinhalten, was die neue Chemotablette betrifft, macht mich wahnsinnig und zweigt mir, dass selbst den Ärzten die Hände gebunden sind, sie können, aber sie dürfen ihren Patienten nicht sofort helfen.

Inzwischen schwellen auch die Lymphknoten auf der rechten Seite des Halses an. Glückwunsch, dank Hinhaltetaktik und Nicht-Therapieren kann man einen Patienten auch herunterwirtschaften.

DANKE liebes DEUTSCHES GESUNDHEITSSYSTEM!

Danke den Menschen, die es machen und sich diesen Unsinn ausdenken.

Sie sind mit Sicherheit kein Betroffener, wohl nicht einmal Angehörige.
Sie sind emotionslos und wissen nicht, wie verzweifelt ein Patient ist, wenn er sich dessen bewusst wird.

ARMES DEUTSCHES GESUNDHEITSSYSTEM, Du musst noch viel lernen!!!

Michaela Schmidt - 17:59 | 3 Kommentare

  1. Heike Karolczak

    17.12.2019

    Ich habe lange nichts gesagt aber ich verfolge all deine Beiträge. Jetzt kann ich nicht mehr still schweigend einfach nur lesen. Es tut mir so leid! Ich kann mir deine Schmerzen, dein Verzweifeln nicht ansatzweise vorstellen. Ich denke an dich. So oft! Ich kann nur so versuchen dir zu helfen. Sei dir gewiss, ich bin immer da, wenn du schreibst. Meine Wünsche sind alle bei dir

  2. Michaela Schmidt

    19.12.2019

    Liebe Heike (Karolczak),
    hab ganz vielen Dank für die lieben Zeilen. Das bedeutet mir wirklich sehr sehr viel. 😘

  3. Martina Lause

    20.12.2019

    Liebe Ela, ich habe so sehr gehofft, dass es dir bald wieder besser geht und nun lese ich deinen letzten Blog und bin sehr betroffen. Selbst als Außenstehende fühlt man die Hilflosigkeit und die Ängste, die dich begleiten. Ich wünsche dir von Herzen ein kleines Wunder und ganz viel Kraft weiterhin. Alles Liebe, Tina

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